Der verschwundene Musiker Oriol wird in seiner Familie wie ein Heiliger verehrt, seit der Franco-Gegner bei der Flucht über die Pyrenäen im Schneesturm um-
gekommen ist. So weiß es die Familienüberlieferung.
Nachdem seinem Großneffen ein Gerücht zugetragen wird, begibt sich dieser auf die Spuren des Verschollenen. Er reist in die Pyrenäen, um Menschen zu suchen, die seinen Großvater kannten. Auf dieser Suche in einem kargen, windigen Bergland stößt er auf Menschen, die in dieser Bergwildnisüberleben, ein Ziegenhirte und eine Waldfrau.
Diese merkwürdige Frau steckt ihm ein Foto des Verschollenen zu und einen rätselhaften Brief. Wer war dieser Oriol? Ein Held, ein Samariter, der Flüchtlingen half über die verschneiten Berge nach Frankreich zu flüchten? Welche Rolle spielte der mysteriöse „Riese“, ein großgewachsener Ziegenhirte, der seine wenige Nahrung den Flüchtlingen abgab, nach denen er im rauen Bergwinter suchte. Seite um Seite entblättert der Erzähler das Rätsel dieser Menschen, die das Schicksal in diesen unmenschlichen Zeiten zusammengeführt hatte.
Jordi Solers manchmal unheimlicher Roman über die menschlichen Abgründe in einer archaisch anmutenden Welt ist ein erzählerisches Meisterstück. Auf das Tier im Mann, der alles verloren hat, stößt der Leser dieser Familienchronik und fühlt sich unmerklich wohl in der Symphonie einer perfekt anmutenden Sprache. Jodi Soler wuchs auf als Sohn katalanischer Emigranten, die am Ende des Bürgerkrieges aus Spanien flohen. Er gehört zu den bedeutendsden spanischsprachigen Autoren der Gegenwart.
[empfohlen von Werner Menzelmann]